Ehemalige „Zwangsarbeiter“ zu Besuch in Köln – und in unserer Schule
Um verständlich zu machen, wie es zu diesem Besuch kam, ist es erforderlich, zunächst ein wenig den Zusammenhang darzustellen:
Im Herbst 1990 fand ein vom Arbeitskreis „EL-DE-Haus“ veranstaltetes Symposion zum Thema „Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus in Köln“ in der Deutzer Messe statt. Wenig später lud die Stadt Köln ehemalige Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten zu einem Besuch nach Köln ein. Unter ihnen waren auch die Ehepaare Askold und Wera Kurow und Praskowja und Gennadij Aladyschew aus Usbekistan und Russland.
In einem vor Jahren vom WDR gedrehten Film „Leben“ erzählt das Ehepaar Kurow über seine Verschleppung nach Deutschland und einige Erlebnisse während ihres Zwangsaufenthaltes: Im Sommer 1942 hatten die Nationalsozialisten in der ehemaligen Sowjetunion mit Deportationen der dortigen Bevölkerung begonnen. Viele der dort lebenden Menschen wurden verhaftet und in überfüllten Güterwaggons nach Deutschland verschleppt. Auf diese Weise gelangten auch die Kurows Anfang 1943 mit mehr als 1.000 Leidensgenossen in einem Güterzug nach Köln, mit einem anderen Transport auch die Aladyschews. Bei ihrer Ankunft an der Deutzer Messe warteten bereits viele Fabrikanten oder Bauern auf die ihnen angekündigten, kostenlosen Arbeitskräfte, die sie sich nun wie auf einem „Viehmarkt“ aussuchen konnten. Allerdings waren auf dem langen Transport viele Menschen erkrankt, beispielsweise an Typhus, starben nach den langen Strapazen oder kamen in ein Lazarett. Vom Lager in der Kölner Messe aus, in dem einige Hundert Menschen untergebracht waren, wurden zahlreiche Zwangsdeportierte auch in andere Lager in Köln und Umgebung transportiert, z. B. nach Köln-Merheim. Von Köln-Deutz aus erfolgten aber auch Deportationen in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten.
Die Arbeitsfähigen wurden nach ihrer Ankunft mit der Bezeichnung „Ostarbeiter“, den Namen der Firmen, für die gearbeitet werden musste, und einer Nummer gekennzeichnet. Zur Arbeit verpflichtet wurden die Menschen damals in zahlreichen Betrieben in Köln, unter anderem wesentlich für die Rüstungsindustrie. Viele Männer mussten Barackenlager am Rande von Köln für die ausgebombte Kölner Bevölkerung errichten oder im Straßenbau arbeiten. Frauen dienten z. B. als Haushaltshilfen oder als Pflegepersonal in den Krankenlagern. Später nach den großen Luftangriffen auf Köln gehörten die Räumung der Trümmer und die Bergung der unter den Trümmern liegenden Toten mit zu den täglichen Arbeitseinsätzen. Betteln um Nahrung bei der Kölner Bevölkerung, Arbeitsverweigerung oder weitere „Vergehen“ wurden mit Schlägen, anderen Schikanen oder sogar Erschießen geahndet. Die gesamte Essensration eines Tages in den Lagern waren 150 Gramm Brot und ein Glas Ersatzkaffee. Wurden Vorwürfe von „Sabotage“ (zu langsames Arbeiten, Zerstörung von Werkzeug u. a.) laut, erfolgten körperliche Misshandlungen, Erschießungen oder Verhaftungen der „Ostarbeiter“. Nach einer Razzia im Lager Kölner-Messe wurde auch Askold Kurow im damaligen Gestapo-Gefängnis am Appellhofplatz inhaftiert. In qualvoller Enge eingekerkert musste er dort meistens stehend und von dauernder Todesangst begleitet die Zeit der Gefangenschaft verbringen. Seine Inschriften sind dort noch heute in einer Zelle des nach langen Jahren endlich eingerichteten NS-Dokumentationszentrums „EL-DE-Haus“ nachzulesen. Schließlich gelang ihm in einem unbewachten Augenblick die Flucht. Er entkam während eines Arbeitseinsatzes durch eine Luke im Heizungskeller des Gefängnisses auf die Straße und von schaffte von dort die Flucht nach Overath. Im Lager von Overath schloss sich danach eine gemeinsam verbrachte Zeit mit Wera, seiner späteren Frau, und dem Ehepaar Aladyschew an, bevor für alle nach Kriegsende im Herbst 1945 schließlich der Rücktransport in die Heimat folgte.
45 Jahre später, Ende September 1990, waren nun auch die Ehepaare Aladyschew und Kurow auf Einladung des Oberbürgermeisters Gäste der Stadt Köln. Nach einem offiziellen einwöchigen, mehr touristischem Programm der Stadt Köln schloss sich eine private Betreuung der Besucher in Kölner Familien an. In dieser zweiten Woche besuchten Praskowja und Gennadij Aladyschew gemeinsam mit dem Ehepaar Kurow verschiedene Stätten ihres damaligen Aufenthaltes, wie eine heutige Kaserne in Köln-Dellbrück. Sie suchten vergeblich nach Spuren des ehemaligen Barackenlagers im Gremberger Wäldchen oder ihres damaligen gemeinsamen Aufenthaltsortes, des Lagers in Overath. An den Grabstätten ehemaliger Zwangsarbeiter auf dem Kölner Westfriedhof gedachten sie derer, die die damalige Zeit nicht überlebten. Alle ließen es sich auch nicht nehmen, sehr bewegt Askold Kurow beim Besuch der ehemaligen Gestapo-Zellen im EL-DE-Haus zu begleiten und ihm zuzuhören, als er die von ihm formulierten, dort erhaltenen Inschriften vorlas:
„Hier bei der Gestapo haben zwei Freunde gesessen aus dem Lager Messe seit dem 24.12.44, Kurow Askold und Gaidai Wladimir, jetzt ist schon der 3.2.45. Heute ist der 3.2., 40 Leute wurden gehängt. Wir haben schon 43 Tage gesessen, das Verhör geht zu Ende, jetzt sind wir mit dem Galgen an der Reihe. Ich bitte diejenigen, die uns kennen, unseren Kameraden auszurichten, daß auch wir in diesen Folterkammern umgekommen sind. Heute ist der 4.2.45, 5.2., 6.2., 7.2., 8.2.45, 9.2., 10.2.“ - „Leb` wohl, liebe Wera, Askold. Und so vergeht das junge Leben.“Gemeinsam mit dem Regisseur wurden nach dem Besuch des „EL-DE-Haus“ ein Video des Filmes „Leben“ über Askold Kurow und eine dort inhaftierte Französin angesehen und dabei viele Erinnerungen herauf beschworen.
In dieser Woche besuchte das Ehepaar Aladyschew, begleitet von einer Übersetzerin, auch die 10. Jahrgangsstufe unserer Schule, ein Besuch über den der Kölner Stadt-Anzeiger in seiner Ausgabe vom 29./30.9.1990 ausführlich berichtete. Die Besucher erzählten den Schülerinnen und Schülern wie sie in ihrer Heimat gefangen genommen wurden, in Eisenbahnwaggons verfrachtet nach Köln gelangten, durch Armbinden „Ost“ als Fremdarbeiter gekennzeichnet und u. a. im Messelager Deutz einquartiert wurden. Die Schüler erkundigten sich nach den Lebensbedingungen in den Lagern und den verschiedenen Arbeiten, die zu verrichten waren und hörten betroffen und angerührt zu, als ihnen über die schrecklichen Erlebnisse berichtet wurde. Gennadij Aladyschew erzählte, wie er Trümmer räumen und dort viele Tote bergen musste. Die Besucher berichteten über die Unmöglichkeit des Arbeitsverweigerns, der Flucht und des Widerstandes überhaupt. Sie erwähnten aber auch die Hilfe, die sie dennoch hin und wieder erfuhren, indem ihnen Frauen in unbeobachteten Momenten z. B. Brot, Kartoffeln oder Strümpfe zusteckten. Als Grunde für ihren Besuch in der Ursula-Kuhr-Schule gaben sie an, dass sie gerne gekommen seien, um jungen Menschen etwas über ihre damaligen Erfahrungen in Deutschland vermitteln und so über die mit einem Krieg verbundenen Schrecken berichten zu können. Es wurde aber während des Besuches auch sehr deutlich, wie schwer es ihnen nach all den Jahren noch fiel, die Erinnerungen an diese Zeit zuzulassen und darüber vor einer größeren Schülergruppe zu berichten. Zum jetzigen Besuch in der Stadt Köln meinte Praskowja Aladyschewa: „Es wird so viel aufgetischt, als wolle man uns in dieser einen Woche alles geben, was uns in den vier Jahren der Gefangenschaft vorenthalten wurde.“ Gennadij Aladyschews Frage an die Schüler, ob sie glauben, dass die Sowjetunion ein Deutschland feindlich gesinntes Land sei, wurde mit Kopfschütteln beantwortet.
Der Besuch in unserer Schule stellte für alle Beteiligten ein sehr eindruckvolles Erlebnis dar. Für die Gäste war es ein Zusammentreffen mit jungen Deutschen, die sich glücklich schätzen können, jene Zeit nicht erlebt zu haben. Den Schülern wurde ermöglicht, die Erlebnisberichte der beiden Besucher anhören und Fragen an sie stellen zu können. Diese Begegnung mit „Zeitzeugen“, deren Betroffenheit beim Erinnern auch nach den langen Jahren in jedem Satz spürbar war, dürfte unvergesslich für sie bleiben.
Veronika Heck
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"Auf dem Kölner Westfriedhof an der Venloer Straße sind auf einem sogenannten "Gestapofeld" viele hundert Opfer der NS-Herrschaft beerdigt worden - meist Zwangsarbeiter, die in den zahlreichen Lagern, im EL-DE-Haus oder im Messelager ermordet wurden. Auch viele Kölner, Kranke und Behinderte, die dem brutalen Euthanasie-Programm des NS-Staates zum Opfer fielen, sind dort beigesetzt worden. Mit verschiedenen Gedenktafeln und Denkmälern ist der Westfriedhof die wichtigste Erinnerungsstätte an die zahllosen Opfer des NS-Regimes in Köln."
zitiert aus: Severin Roeseling, Das braune Köln, Köln 1999, S. 25
Zwangsarbeiterlager in Köln
Siehe auch:
NS-Dokumentationszentrum
http://www.museenkoeln.de/museenkoeln.de/ns-dok/ns-doku/t08/index_lager.html