Oberbürgermeister Theo Burauen. Im Vordergrund
die Mordwerkzeuge |
Das
Attentat von Köln-Volkhoven
Anja Bach
Der psychisch
kranke Walter Seifert drang am 11. Juni 1964 kurz nach 9.00 Uhr in das
Schulgelände der Katholischen Volksschule in Köln-Volkhoven ein.
Mit einem selbstgebastelten Flammenwerfer und einer Lanze griff er Schülerinnen
und Lehrerinnen an. Zum Zeitpunkt des Anschlages waren 8 Lehrkräfte
und etwa 380 Kinder in der Schule. 28 Kinder wurden schwer verletzt, acht
von ihnen starben an ihren Verletzungen. Der Attentäter tötete
zwei Lehrerinnen; zwei weitere Lehrerinnen wurden schwer verletzt.
Verschiedenen
Zeitungsberichten zufolge ereignete sich das Attentat vermutlich folgendermaßen: |
Klassenzimmer von Frl. Schweden nach dem Attentat |
Zur
Katholischen Volkschule gehörten neben einem Hauptgebäude noch
drei Holzpavillons, in denen sechs Klassenzimmer untergebracht waren. Diese
Pavillons standen auf dem Schulhof. Kurz vor der großen Pause betrat
Walter Seifert das Schulgelände und versperrte das kleinere Schultor
mit einem Holzkeil. Er trug bei sich:
Eine Unkrautspritze,
die er zu einem Flammenwerfer umfunktioniert hatte. Sie war mit einer leicht
brennbaren Mixtur gefüllt und konnte eine Flamme von sechs Metern
Länge abgeben
Eine ca. 1,5 m
lange Lanze
Eine selbstgebaute
Eisenschleuder
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Der Weg des Mörders
1. Turnende Mädchen mit Frau Langohr
2. 4. Schuljahr mit Frau Willmes
3. 5./6. Schuljahr mit Frl. Schweden
4. Fr. Bollenrath erstochen
5. Frau Kuhr erstochen
6. Fluchtweg |
In
einer Ecke des Schulhofes erteilte die Lehrerin Anna Langohr gerade einer
Gruppe von Mädchen Sportunterricht. Seifert lief zuerst zum vierklassigen
Pavillon. Er warf mit der Eisenschleuder die Scheiben ein und richtete
den Feuerstrahl von außen durch die Fenster in die Klassenräume.
Die Holzklassenräume und die Kleider der Kinder fingen sofort Feuer.
Die Lehrerin Gertrud Bollenrath konnte bei einigen Kindern die Flammen
ersticken. Dann lief sie selber auf den Schulhof und stellte sich dem Amokläufer
in den Weg. Seifert stach sie mit der Lanze nieder. Inzwischen waren die
Kinder aus dem Pavillon auf den Hof gelaufen und liefen – unter Schock
stehend – schreiend mit teilweise brennenden Kleidern durcheinander. Seifert
richtete gezielt den Flammenwerfer auf die Kinder.
Auch die Turngruppe
griff er an. Hier stellte sich ihm die Lehrerin Frau Langohr in den Weg,
die er mit einem Feuerstrahl lebensgefährlich verletzte. Von hier
aus stürmte er zum gegenüberliegenden Pavillon. Dort versuchten
die Lehrerinnen Kuhr und Kunz die Flügeltüren zuzuhalten. Doch
Walter Seifert war stärker und riß eine der Türen aus den
Rahmen. Dabei verlor Ursula Kuhr das Gleichgewicht und fiel hin. Seifert
stach mit der Lanze mehrmals auf die am Boden liegende Lehrerin ein. Schließlich
flüchtete Seifert auf ein Feld, wo er später von der Polizei
gestellt wurde.
Inzwischen hatten
Männer von der Müllabfuhr das Tor aufgebrochen und löschten
die Kinder mit Decken und Kleidern. Sie hielten vorbeifahrende Autos ans,
die die ersten Kinder in das Heilig-Geist-Krankenhaus brachten. Zwischenzeitlich
eingetroffene Fahrzeuge der Feuerwehr, des Malteser Hilfsdienstes und der
Bundeswehr brachten die übrigen verletzten Kinder und die Lehrerinnen
in die Universitätsklinik Lindenburg, das Heilig-Geist-Krankenhaus,
das Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße und das Vinzenzkrankenhaus
in Nippes.
Die Krankenhäuser
wurden mit den modernsten Geräten zur Behandlung von Hautverbrennungen
ausgerüstet. Die Kölner Ärzte und hinzugezogenen Spezialisten
kämpften wochenlang um das Leben der Kinder, die zum Teil Verbrennungen
bis zu 90 Prozent hatten. |
16. Juni 1964 Trauerfeierlichkeiten für Fr. Bollenrath
und Frau Kuhr. Links nach rechts: Beige, Giesberts, Oberstadtdirektor Dr.
Adenauer, Bürgermeister Dr. Lemmens, Kultusminister Prof. Mikat, Weihbischof
Dr. Frotz, Schulrätin Dr. Neumann, Angehörige der Familien Kuhr-Erwen
und Bollenrath |
Dorothea
Binner, Renate Fühlen, Ingeborg Hahn, Ruth Hoffmann, Klara Kröger,
Stephan Lischka, Karin Reinhold und Rosel Röhrig erlagen jedoch ihren
schweren Verletzungen. Sie wurden auf dem Friedhof Weiler beigesetzt. 1969
wurde neben ihren Gräbern ein Denkmal aufgestellt – eine Säule,
an der Flammen Blätter umzüngeln.
Die übrigen
schwer verletzten Kinder mußten sich noch monatelangen, schmerzhaften
Behandlungen unterziehen, die nicht verhindern konnten, daß neben
Brandmalen physische und psychische Folgeschäden zurückblieben.
Die 24jährige
Lehrerin Ursula Kuhr starb noch auf dem Schulhof. Nach ihr wurde 1965 die
katholische Volksschule in Köln-Heimersdorf, Volkhovener Weg, benannt.
Die 62 jährige
Lehrerin Gertrud Bollenrath erlag kurz nach 13.00 Uhr ihren Verletzungen
im Heilig-Geist-Krankenhaus. Nach ihr wurde 1986 die Sonderschule am Fühlinger
Weg benannt.
Weiter schwer
verletzt wurde die Lehrerin Wiltrud Schweden. |
20. Juni 1964 Beerdigung von:
Dorothea Binner gest. 15. Juni
Klara Kröger
gest. 16. Juni
Rosel Röhrig
gest. 18. Juni
Stephan Lischka gest. 16. Juni
Kardinal Frings segnet die vor der Kirche aufgebahrten
Särge. |
Die
67 jährige Lehrerin Anna Langohr schwebte eine Woche lang in Lebensgefahr.
Nach vier Monaten konnte sie das Krankenhaus verlassen. Anna Langohr bekam
vom Papst Paul VI. das Ordenskreuz „pro ecclesia et pontifice“ verliehen.
Oberbürgermeister John van Nes Ziegler zeichnete sie mit der Verdienstmedaille
des Verdienstordens der BRD aus. Weiter wurde sie mit der Rettungsmedaille
des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Trotz der Folgeschäden
durch ihre Verletzungen von damals, die ihr immer wieder zu schaffen machten,
hat sie noch viele Jahre in Volkhoven einen Altenkreis geführt, für
den sie das Programm gestaltete, Fahrten organisierte und Referate hielt.
Am 27. Jan. 1990 verstarb Anna Langohr im hohen Alter von 93 Jahren.
Der Attentäter
Walter Seifert hatte auf der Flucht eine Kapsel mit dem Pflanzengift E
605 geschluckt. Er starb abends in der Lindenburg. Über das Motiv
der Tat sprach Dr. Manfred Gundlach, Leiter der Mordkommission: „Der Mann
wollte mit einer Demonstrativtat die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
auf sich lenken. Seifert war wegen einer Tuberkuloseerkrankung seit Jahren
arbeitsunfähig gewesen. Er hatte vergeblich versucht, eine Kriegsrente
geltend zu machen. Er schrieb mehrere verworrene Briefe an den Gesundheitsdezernenten,
den Oberstadtdirektor und den Regierungspräsidenten, in denen er sich
beklagte, von den Amtsärzten ungerecht behandelt worden zu sein.
Seiferts letzte
Worte sollen gewesen sein: „Der Obermedizinalrat ... wollte mich töten.
Das ist die Rache dafür.“
Jahre zuvor
war seine Frau im Kindbett gestorben. Dies gilt als mögliches Motiv,
warum er sich für seine Rache die Kinder der Volksschule Volkhoven
ausgesucht hatte. Mehrere Amtsärzte hatten ihm schizophrene Effekte
bescheinigt. Er galt jedoch nicht als gewalttätig.
Die Tat hat
weit über Köln hinaus Entsetzen und eine große Hilfswelle
ausgelöst. Menschen aus aller Welt spendeten 850.000 DM für die
verletzten Kinder und deren Angehörige. Das Geld wurde von dem Kuratorium
für die katastrophengeschädigten Kinder von Volkhoven e. V. verwaltet
und zum größten Teil in hochverzinslichen Wertpapieren angelegt.
Wenige Tagen
nach dieser schlimmen Tat wurden die Schulbaracken von Volkhoven nach einem
Ratsbeschluß abgerissen. Sie sollten nicht länger an dieses
grausige Geschehen erinnern. |
Bildnachweis:
Chronik der Ursula-Kuhr-Schule
Peter Kremer
Willi Bach |
Anja
Bach, Das Attentat von Köln-Volkhoven
mit freundlicher
Genehmigung entnommen aus:
Heimersdorf
Vom Hof zum
Kölner Stadtteil,
hrsg. von der
Geschichtswerkstatt des Bürgerzentrums Chorweiler,
Köln 1997
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Die
Gräber der 8 Kinder auf dem Friedhof Volkhoven-Weiler
(Ansicht April 2000)
Ansicht 2004
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Das Grab der Lehrerin Ursula Kuhr auf dem Kölner
Südfriedhof |
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